Eine Vortragsreise durch 180 Jahre Fotografiegeschichte

Silber, Salz und Bytes

Eine Vortragsreise durch 180 Jahre Fotografiegeschichte

Wer heute mit seiner Digitalkamera unterwegs ist, muss sich um die Übertragung der sichtbaren Umwelt in ein Foto keine Gedanken mehr zu machen: Das Gerät erledigt diese Aufgabe nahezu vollumfänglich für uns. Ganz anders war es zu Beginn der Fotografie, wo die Fotografen sich nahezu unbegreiflichem Aufwand (und vielen Einschränkungen) gegenüber sahen.

Feuerwerk an Informationen: Referentin Marjen Schmidt

Einen unterhaltsamen Einblick in diese Geschichte der Fotografie von den Anfängen bis zur Gegenwart gab ein Vortrag der Restauratorin Marjen Schmidt im Medienzentrum Wartenberg, Kreis Erding, den ich zusammen mit Annette Plasa photography besucht habe.

Zu Beginn aller fotografischen Bestrebungen stand die Entdeckung der Lichtempfindlichkeit von Silbersalzen. Wurden sie auf eine Trägerfläche aufgetragen, konnte man durch einfache Verfahren erste Ablichtungen vornehmen.

Die Camera Obscura war das Instrument dazu: Durch ein einfaches Loch in der Vorderwand fällt Licht auf ein in einer ansonsten abgedunkelten Schachtel oder Kiste. Die Referentin zeigte die Funktionsweise an einer entsprechend umgebauten Keksdose (ihrer Lieblingskekse).

Erst Kekse, dann Kamera

Die Weiterentwicklung benannte man nach ihrem (vermeintlichen) Erfinder Daguerrotypie. Ihre Besonderheit ist, dass man sie je nach Blickwinkel und Lichteinfall als Positiv oder Negativ, gewissermaßen als Hybrid, betrachten kann. Durch diese Art der Belichtung entstand ein nicht reproduzierbares Unikat – die Einmaligkeit der Aufnahme war garantiert.

Jungfernstieg und Binmnenalster: Brandschäden in Hamburg 1842
Daguerreotypie von Hermann Biow
Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Solche Aufnahmen erforderten auch sehr lange Belichtungszeiten – bis zu 30 Minuten war die Regel. Deshalb waren unbewegte Landschaften und Architektur die bevorzugten Motive. Und sie sind der Grund, warum die fotografierten Stadtlandschaften immer so menschenleer wirkten – sich bewegende Menschen sind im Bild bestenfalls als Schemen zu erkennen.

Portraits sind durch diese lange Blichtungszeit schwierig zu erstellen – selten konntenb sich die Menschen lange genug stillhalten, um nicht Unschärfen zu erzeugen. Der ungewollten Bewegung wurde durch stützende Apparaturen entgegengewirkt – und so erklärt sich auch die auf vielen Fotos auftauchende Pose, auf dem die Portraitierten den Kopf auf die Hand stützen – eine von der Fotografie erzwungene Denkerpose.


Selbstporträt des Bankiers Jean-Gabriel Eynard (er machte die Daguerreotypie in der Schweiz bekannt); goldgetonte und kolorierte Daguerreotypie um 1847
Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Umso sensationeller war deshalb das Bild, das zum ersten Mal Menschen erkennbar zeigt: Der Schuhputzer und sein Kunde auf diesem Foto sind ein Meilenstein der Fotografiegeschichte.


Pariser Straßenansicht (Boulevard du Temple), Daguerreotypie von Louis Daguerre, aufgenommen vom Fenster seines Arbeitszimmers aus, 1838; diese Aufnahme gilt als das älteste Foto, auf dem Menschen abgebildet sind (Schuhputzer und Kunde an der Straßenecke unten links)
Foto: Wikipedia (gemeinfrei)

Wegen der Nichtreproduzierbarkeit der Daguerrotypie hat sich dann auch eine andere Form der Fotografie durchgesetzt: Die von William Henry Fox Talbot weiterentwickelte Camera Lucida setzt auf das Prinzip der Photogenischen Zeichnung. Dazu wurde ein Papier in ein Bad aus Tafelsalz gelegt und so lichtempfindlich gemacht. Die darauf entstehende Belichtung ist ein Negativ, das man nun durch chemische Übertragung vervielfältigen konnte. Der Grundstein zur Massenverbreitung von Fotos war gelegt. Dieses Prinzip hat sich bis heute im Grunde erhalten.

Nachdem nun das Negativ-Verfahren in der Welt war, erkannte man schnell auch die daraus resultierenden Möglichkeiten zur Bildbearbeitung: Das Werk „The Great Wave“ von Gustave Le Gray gilt als eine der ersten Kombinationen aus zwei Negativen.

The Great Wave
Quelle: Wikipedia (gemeinfrei)

Es behebt so das Problem, dass der Himmel über- oder der Vordergrund unterbelichtet wären, indem es zwei für den jeweiligen Ausschnitt korrekt belichtete Aufnahmen kombiniert. Wir sehen in diesem Bild also gewissermaßen einen Vorläufer der heutigen computerbasierten Mehrfachbelichtungs- oder HDR-Verfahren.

Beispiele für Trägermaterialien

Der Übergang zur Farbfotografie ließ allerdings noch einige Zeit auf sich warten: Silbersalze waren nicht farbempfindlich, wodurch die Belichtungen zwingend schwarz-weiß waren. Erst der chemische Fortschritt erlaubte ab 1873 die sogenannte „Panchromatische Sensibilisierung“ der Trägermaterialien, und auch das zunächst nur für die Farben blau und grün.

Frühes Negativ

1907 entstand dann als Vorläufer des Farbfilms das „Autochrom“-Verfahren – technisch aber nach wie vor sehr aufwendig. Im Laufe der Zeit verbesserte sich aber dann die Technik immer weiter und trug zur Vereinfachung und damit Massentauglichkeit bei.

Blick auf Venedig (Gelatineabzug)

Eine Zäsur in dieser Geschichte bedeutete dann die Erfindung der Digitalkamera. 1961 erfunden, wurde das Prinzip etwa ab 1991 marktfähig und beherrscht heute über zunächst eigenständige Digitalkameras und nun insbesondere ihrer Verbindung mit Mobiltelefonen weiteste Verbreitung.

3D in modern …

Manchen als Zukunft gilt die Darstellung der Motive in 3D – technisch schon relativ einfach möglich. Wie das Prinzip des dreidimensionalen Eindrucks funktioniert, wussten aber schon frühere Meister.

… und 3D der alten Meister

Dieser Siegeszug der Digitalfotografie bedeutet aber nun den Abschied vom physischen Negativ und damit nach Meinung der Referentin von der „eigentlichen“ Fotografie. Demgegenüber stehen „Retro“-Bestrebungen: Eine erstaunlich hohe Zahl an Fotografen kehrt (zumindest teilweise) zur analogen, vermeintlich „unverfälschten“ Fotografie zurück und bemüht sich, auch alte Fototechniken wieder zum Leben zu erwecken.

Die Referentin Marjen Schmidt jedenfalls hat Fotografiegeschichte sehr kenntnis- und lehrreich präsentiert und uns einen höchst kurzweiligen Abend beschert. So sollten Vorträge immer sein … herzlichen Dank!

Und dann wollten wir noch auf einen besonderen Termin hinweisen: Am 28. April 2019 ist World Pinhole Day!

Wer mit Camera Obscura / Lochkamera fotografieren will: Der World Pinhole Day ist der richtige Tag dafür!

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