Künstlerisches Glanzstück in desolatem Zustand

Infinite Staircase / Umschreibung

Künstlerisches Glanzstück in desolatem Zustand

Ein architektonisch-künstlerisches Highlight wollten wir uns mit dem Fotostammtisch Blende (N)8 vornehmen. Nachdem der urspünglich größere Kreis auf Angelika Noack – ANsLicht und mich zusammengeschmolzen war (mit weniger Leuten kommt man sich aber auch weniger in die Quere), trafen wir uns im Lichthof der KPMG in München.

Die Infinite Staircase im Innenhof der KPMG

Die „Infinite Staircase“ (die endlose Treppe) ist ein Werk des von mir hochverehrten isländischen Künstlers Ólafur Elíasson aus dem Jahr 2004. Edit, weil dazugelernt: Im Original trägt das Kunstwerk den deutschen Titel „Umschreibung„.

Leider ist das Kunstwerk schon seit längerer Zeit in desolatem Zustand: Das Betreten des Kunstwerks ist durch Bauzäune verhindert, Kabel ragen offen aus dem Fundament, viele Treppenstufen fehlen. Mehr dazu am Schluss des Beitrags.

Die Treppe windet sich in Nichts – und wieder zurück

Die Idee der unendlichen Treppe nimmt die Darstellung unmöglicher Figuren wie der Penrose-Treppe oder dem Möbiusband auf. Die Treppe windet sich in den Himmel und wieder zurück, ohne einen Zielpunkt oder Endpunkt zu erreichen – in ihrer Zweckfreiheit ist sie ein Kunstwerk in bestem Sinne.

Je weitwinkliger das Objektiv, desto mehr beommt man von der Treppe aufs Foto – und desto interessanter wird der Blickwinkel. Leider sieht man so am unteren Rand auch die Absperrgitter, die das Betreten verhindern.

Für Fotos der Infinite Staircase sind starke Weitwinkel gefragt, um die ästhetische Wirkung angemessen wiedergeben zu können.

Die Staircase hat durch ihre Struktur natürlich auch eine sehr grafische Wirkung. Durch eine Schwarz-Weiß-Umsetzung lässt sich diese Wirkung deutlich verstärken, man verliert aber den Farbkontrast zu dem bunten KPMG-Gebäude. Hier ein Beispile zur Gegenüberstellung:

Die Frabumsetzung betont den Kontrast der dunklen Treppe zur bunten Umgebung …
… während die SW-Umsetzung die Strukturen und Linien dramatisch betont

Für welche der Umsetzungen man sich entscheidet (beide?), bleibt dem Verwendungszweck des Bildes und dem Geschmack der Betrachter überlassen.

Leider fehlen viele Treppenstufen

Mit der Benutzung starker Weitwinkel ist man natürlich auch stark mit dem Problem der stürzenden Linien konfrontiert – was sich hier allerdings kaum als tatsächliches Problem erweist: Durch die Struktur der Treppe, die eine Einschätzung, wie es „richtig“ aussehen müsste, ohnehin nicht zulässt, akzeptiert unser Gehirn viel eher die Schiefstellung der umstehenden Gebäude. Und diesen Effekt kann man durch die Benutzung eines Fisheye-Objektivs sogar noch betonen und sich zunutze machen.

Starke Verzerrung durch ein 15mm-Fisheye: Statt zu stören, betont es sogar noch den visuellen Eindruck

Und nun noch wie oben angekündigt ein Wort zur KPMG: Es ist mir absolut unverständlich, wie man ein solches Kunstwerk vor der eigenen Haustüre so verfallen lassen kann. Es ist ja nicht so, dass die KPMG eine Kleinhäusler-Firma wäre: Laut Handelsblatt steigerte die Firma ihre Gesamtleistung 2017/18 auf 1,83 Milliarden Euro. Eine mögliche Erklärung für den Verfall liefert allerdings indirekt der Eintrag zur KPMG in Wikipedia: Danach wurde die KPMG „im Juni 2014 damit beauftragt, die Großprojekte und Arbeitsabläufe des Bundesministeriums der Verteidigung zu kontrollieren„. Kennt man nun den desolaten Zustand dieser Großprojekte, dann erschließt sich auch der Verfall der „Infinite Staircase“ durchaus. Eine Schande, KPMG!

Innenansicht

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